
Matthew Barney. Prayer Sheet with the Wound and the Nail
12.06. - 03.10.2010
Mit Matthew Barney (*1967) präsentiert das Schaulager einen der schillerndsten Sterne am Himmel der US-amerikanischen Kunstszene. Die Ausstellung mit dem an Heiligenlegenden erinnernden Titel Prayer Sheet with the Wound and the Nail konfrontiert das sperrige Werk dieses aussergewöhnlichen Künstlers mit Zeichnungen und Druckgrafiken alter Meister.
Matthew Barney, der in seiner Jugendzeit als Model und Footballspieler gearbeitet hatte, versteht es ausgezeichnet, sich in Szene zu setzen. In praktisch all seinen Arbeiten tritt der Künstler nicht nur als Schöpfer, sondern auch als Protagonist in Erscheinung. Ausgehend von einem erweiterten Skulpturbegriff vereint Barney Performance, Video und Film, Fotografie, Zeichnung und Plastik zu multimedialen Installationen, die bildgewaltige wie absurd grotestke, rätsel- und gleichnishafte Geschichten erzählen.
So auch im abendfüllenden Spielfilm "Drawing Restraint 9", wo ihm seine Lebensgefährtin, die bekannte Musikerin und Sängerin Björk, die überdies den meditativen Soundtrack zum Film beigesteuert hat, zur Seite steht: Ein Mann (Barney) und eine Frau (Björk) schreiten im Bauch eines japanischen Walfangschiffs zur Vermählung, die einem grotesk überhöhten Shinto-Zeremoniell folgt. Auf dem Höhepunkt der Hochzeit schneidet sich das Paar die Beine ab, um sich nach dieser grausig-wundersamen Metamorphose mit den gejagten Walen im eisigen Meer zu vereinen.
Zeichnen mit Hindernissen
Der 2005 entstandene Film ist Teil einer Werkserie, die sich über die gesamte bisherige Laufbahn des Künstlers zieht, den das "New York Times Magazine" 1999 zum "most important American Artist of his generation" gekürt hat. Die Reihe umfasst bisher 16 Teile und trägt den Titel "Drawing Restraint", was sinngemäss mit "Zeichnen mit Hindernissen" oder "Zeichnen unter erschwerten Bedingungen" übersetzt werden kann.
Dieses Prinzip zieht sich als durchgängiges Motiv durch die Performance- und Filmreihe. Barney lotet darin auf unterschiedliche Weise die naturgegebenen Grenzen des Körpers und Geistes aus. In den ältesten Performances inszenierte er sich als Künstler, der sich selber massive Widerstände auferlegt: Um ein bleibendes Werk, etwa eine Zeichnung anfertigen zu können, muss er Rampen besteigen, auf einem Trampolin zur Decke hoch springen oder den Gegenzug elastischer Bänder überwinden. Im Verlauf der Serie weitet Barney das Setting über den Kampf gegen physische Schranken aus: Die Performances bekommen eine ausgefeilte Dramaturgie, die Erzählungen werden allegorischer - zum Beispiel, wenn er in "Drawing Restraint 7" (1993) drei Satyre beim lustvoll-bizarren Kampfspiel in einer Luxuslimousine zeigt.
Dialog mit alten Meistern
Aus der Performancereihe sind neben den filmischen Dokumentationen Skulpturen, Schauvitrinen, Videos und Zeichnungen hervorgegangen. Dieses sorgsam arrangierte "Drawing Restraint"-Archiv ist von der Laurenz-Stiftung gemeinsam mit dem Museum of Modern Art, New York, unlängst aufgekauft worden und kann nun erstmals in seiner Gesamtheit präsentiert werden. Zudem werden weitere Arbeiten Barneys zu sehen sein, Werke aus der Emanuel Hoffmann-Stiftung und Leihgaben.
Das Schaulager geht noch einen Schritt weiter: In enger Zusammenarbeit mit dem Künstler setzt der Gastkurator der Ausstellung, der New Yorker Autor und Ausstellungsmacher Neville Wakefield, die Arbeiten Barneys in einen Dialog mit christlich-ikonografischen Stichen, Holzschnitten und Zeichnungen von Renaissance-Meistern wie Martin Schongauer, Albrecht Dürer oder Urs Graf. In den bildlichen Erzählungen von Busse, Leid und Verklärung soll Barneys Interesse an den Grenzen der physischen und psychischen Ordnung des Lebens ein Pendant finden.
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